alexander egeling

Faust. Bei diesem Titel denken die Meisten sofort an Goethes Faust. Doch der ist weder der einzige, noch der älteste. Die Geschichte vom unbefriedigten, allwissenden Professor, der sich mit dem Teufel einläßt ist uralt. Niemand weiß, wer sie erfand, aber sie wurde über Jahrhunderte in Deutschland erzählt. Sicher ist nur, dass sich viele Fassungen auf die historische Person des Georg Faust beziehen. Dieser lebte um 1480 bis um 1540, hielt sich in Universitätsstädten wie Heidelberg, Wittenberg, Erfurt und Ingoldstadt auf, wo er die Modewissenschaften seiner Zeit, Medizin, Astrologie, Alchemie, bis zur Scharlatanerei trieb. Nach ihm entstand, noch zu seinen Lebzeiten, die ursprüngliche Faust - Sage. Weil jeder Geschichtenerzähler etwas hinzudichtete oder wegließ wandelte sich Faust zu einer typisch deutschen Erzählung. Die Geschichte spiegelt deutsche Traditionen und Kulturen wider, beschäftigt sich mit zahlreichen Sagen und Legenden.

Viele der hier widergegebenen Informationen stammen aus meinem Deutschuntericht und aus dem Doppelband "Daten deutscher Dichtung", der einen wunderbaren Überblick über die deutsche Literatur von ihren Anfängen bis heute gibt. Schaut euch dazu auch meine Epochenübersicht an, die es auf meiner Literaturseite gibt. Nun aber zurück zu Faust. Ersteinmal gebe ich hier einen Überblick über die wichtigsten literarischen Vorläufer Goethes, dann gibt es eine interpretative Zusammenfassung des ersten Werkes und noch einen kleinen Auszug aus dem Encarta-Lexikon.

Historia von D.Johann Fausten
Anonym.
1587 / Renaissance
Erschienen bei Spiess in Frankfurt am Main.

Zurückgehend auf die o.g. Faust - Sage.
Auch bekannt als 'Volksbuch - Faust'.

Erster Band:
Das Volksbuch erzählt von Fausts Theologie- und Medizinstudium, der Beschäftigung mit Zauberei, dem Bündnis mit dem Teufel, der Faust seinen Geist Mephistopheles als Diener gibt. Faust wird nach Ablauf der Frist vom Teufel erdrosselt.
Unter lutherischem Gesichtspunkt geschrieben läßt die Historia den Gegensatz von Renaissance und Reformation erkennen:
Faust wird als warnendes Beispiel für den frevelntlichen Wissensdurst des Humanismus und des renaissenshaften Genussmenschen gesehen; ein Gegenbild Luthers.

1755-1767 entwickelt Lessing einen Plan zu einem Faust Drama. Dieser ging aber leider bis auf Bruchstücke verloren. Ersichtlich ist die Idee einer Rettung Fausts.

Faust entwickelt sich nun zu einem beliebten Lust- und Puppenspiel. Viele Faustszenen sind, sogar später noch bei Goethe, rein der Belustigung des Volkes wegen eingefügt und haben keinen tieferen literarischen Sinn. Aber das Volk verlangte damals wilde, alberne Szenen. Das Lustspiel Faust wurde ja auch nicht auf den großen Bühnen aufgeführt, sondern überall auf der Straße.

Faust. Ein Fragment
Johann Wolfgang von Goethe
1790 / Klassik
Goethe war von früher Jugend an ein guter Kenner der ganzen Faust - Überlieferung. Stofflich beeinflusste ihn vor allem das 'Volksbuch'.

Das Fragment besteht aus dem 'Urfaust' und einigen Zusätzen.
- Urfaust in Prosa, bestehend aus:
Fausts Monolog
Faust - Wagner
Mephistopheles - Schüler
Auerbachs Keller
Gretchen Tragödie bis zur Kerkerszene (ohne die Stimme 'gerettet').
- Veränderungen im 'Fragment':
Auerbachs Keller in Versen
zusätzlich Hexenküche (entstanden Februar 1788 in Rom)
zusätzlich Rechenschaftsmonolog Wald und Höhle
Im Gegensatz zum späteren Drama Goethes noch
ohne Faust - Mephisto Szene Trüber Tag,
ohne Feld,
ohne Kerkerszene.
Das historische Urbild des Gretchens wurde von Ernst Beutler als Margaretha Brandtin aus Frankfurt ausgemacht. Goethe soll durch das Schicksal dieser Kindermörderin, das er hautnah erlebte, persönlich berührt worden sein, weswegen er den Magier Faust in einen Liebhaber mit eigenen Zügen verwandelte.

Fausts Leben, Taten und Höllenfahrt
Friedrich Maximillian Klinger
1791 / Klassik
Roman, anonym erschienen

Faust ist hier ein Renaissancemensch, Erfinder der Buchdruckerkunsrt, die er aber erst durchsetzen kann, als er einen Pakt mit dem Teufel eingeht, der seinem Streben nach Macht und Sinnesgenuss dienen soll. Faust verfällt ohne Willen und Kraft zur Gegenwehr dem Bösen.
Der Held sucht die Lösung des Lebensrätsels und scheitert an der Realität.
Durchgehende Auseinandersetzung mit Roussaeus Kulturphilosophie, mehrfach auch mit Kant; die fr. Revolution wird nur in ihrer Frühphase positiv bewertet.

Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil
Johann Wolfgang von Goethe
1808 / Klassik
Die Wiederaufnahme der Arbeit am Faust-Fragment ist ausschließlich Schiller zu verdanken.
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Faust, bürgerlicher Herkunft, studiert alle wichtigen akademischen Wissenschaften.
"Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie!
Durchaus studiert mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;"
Als er merkt, dass er so nicht erkennen kann,
"...was die Welt
Im Innersten zusammenhält,"
versucht er es auf andere Weisen. So beschwört er den Makrokosmus und ruft den Erdgeist herbei. Doch Faust ist nur Mensch und kann deshalb nicht hinter das gesuchte Geheimnis kommen. Aus Enttäuschung denkt er kurzzeitig sogar an Selbstmord. Auch der spätere Versuch einer Bibelübersetzung bringt Faust nicht die gesuchte allumfassende Erkenntnis. In Disputen mit seinem Famulus stellt er wieder seine geistige Überlegenheit gegenüber allen Menschen dar.

Erholen von seinen Enttäschungen will er sich durch einen Spaziergang vor dem Tor.
"Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!"
Doch schlummern zwei Seelen in Faust: Neben der, die
"Sich an die Welt mit klammernden Organen;"
hält, deren Schönheit sieht und ihn schon einmal vor Selbstmord bewahrte, gibt es eine andere:
"Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
Zu den Gefilden hoher Ahnen."
Letztere kann von irdischen Freuden nicht befriedigt werden. So läßt sich Faust, in seiner Suche nach Ruhe und Befriedigung, mit dem Teufel ein.
"Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,
So sei es gleich um mich getan!
Kannst Du mich schmeichelnd je belügen,
Dass ich mir selbst gefallen mag,
Kannst du mich mit Genuss betrügen -
Das sei für mich der letzte Tag!
Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!"
Faust läßt sich auf diese Wette ein, um endlich Ruhe zu finden; er ist immer noch der intelligenteste Mensch der Welt, doch gerade das treibt ihn ja in den Wahnsinn.

Um diese Wette richtig zu verstehen, muss man die Wette zwischen Mephisto und Gott aus dem Prolog im Himmel kennen: Mephisto hat ein negatives Menschenbild. Zur menschlichen Vernunft sagt er
"Er nennt's Vernunft und braucht's allein,
Nur tierischer als jedes Tier zu sein."
Auch Gott weiß, dass der Mensch durch seine Taten viel falsch machen kann, denn
"Es irrt der Mensch solang er strebt."
Doch vertraut er darauf, dass selbst schlechte Menschen noch um das Gute wissen und schließlich auch wieder gut werden:
"Ein guter Mensch in seinem dunklem Drange
Ist sich des rechten Weges wohl bewusst."
Der Teufel aber ist der Meinung, dass es Menschen gibt, die immer böse sind. Das will er beweisen, indem er Faust verführt:
"Was wettet Ihr? den sollt Ihr noch verlieren,
Wenn Ihr mir die Erlaubnis gebt,
Ihn meine Straße sacht zu führen."
Gott läßt sich auf die Wette ein. Doch ist sie unfair, da Gott nur gewinnen kann. Das zeigt sich, als Gott nach dem Abgang von Mephisto offenbart, dass auch der Teufel nur ein Diener Gottes ist, der die Menschen antreiben soll, wenn sie faul und träge werden.
"Des Menschen Tätigkeit kann allzuleicht erschlaffen,
Er liebt sich bald die unbedingte Ruh;
Drum geb ich gern ihm den Gesellen zu,
Der reizt und wirkt, und muss, als Teufel, schaffen."
Darin zeigt sich Goethes Weltsicht, in der es weder gut noch böse gibt. Das Ziel im Leben ist für ihn unstillbares Streben und unbedingtes Schaffen. Gott ist allmächtig, da er die höchste Schaffenskraft hat. Den niedrigsten Platz in der Weltordnung nehmen die Dinge ein, da sie niemals schaffen können. Oft finden sich im "Faust" kirchliche Symbole, wie etwa Gott und Teufel, die aber nicht im Sinne des Christentums, sondern im Sinne dieser Weltsicht Goethes zu verstehen sind.

Schema von Goethes Weltsicht:


Doch zurück Zur Handlung der Tragödie:
Ein im Studierzimmer auftretender Schüler offenbart sich als Rationalist, er huldigt dem Irrglauben, die Wahrheit in Büchern zu finden:
"Denn, was man schwarz auf weiß besitzt,
Kann man getrost nach Hause tragen."
Darin findet sich Goethes Kritik an seiner rationalen und verwissenschaftlichen Zeit.
Mephisto, der Teufel, will Faust nun in Auerbachs Keller zum Leben verführen. In dieser Gaststube treffen wir Angehörige der untersten Schicht, die sich den Tag mit Saufen, Dummheiten und Sauereien vertreiben. Mephisto spielt mit ihrer Bestialität und entzündet Höllenfeuer vor ihnen. Faust kann das nicht zum 'lustigen' Leben bekehren. Als die Verulkten feindselig werden, verschwinden Mephisto und Faust, aber nicht ohne eine Erinnerung zu hinterlassen. Mephisto veranlasst die Trunkenbolde sich gegenseitig die Nasen abzuschneiden und kommentiert das so:
"Und merkt euch, wie der Teufel spaße."

In einer Hexenküche wird Faust durch einen Zaubertrank verjüngt. Gleichzeitig wird auch die Begierde nach einer Frau in ihm geweckt.
"Du siehst, mit diesem Trank im Leibe,
Bald Helenen in jedem Weibe."
Auf der Straße begegnet Faust dann Gretchen und verliebt sich in sie. Sie ist Inbegriff des Guten. Mephisto bringt ihr Geschenke und arrangiert ein Treffen. Gretchen springt auf Fausts Werben an.
"Bester Mann! von Herzen lieb ich dich!"
Doch Faust kommt immer noch nicht zur Ruhe.
"Er [Mephisto] facht in meiner Brust ein wildes Feuer
Nach jenem schönen Bild geschäftig an.
So tauml ich von Begierde zu Genuss,
Und im Genuss verschmacht ich nach Begierde."
Auch Gretchen schmachtet in ihrer gesellschaftlich tugenhaften Jungfrälichkeit nach ihm und begehrt ihn sogar leiblich.
"Meine Ruh ist hin,
Mein Herz ist schwer;
Ich finde sie nimmer
Und nimmermehr.
Mein Busen drängt
Sich nach ihm hin.
Ach dürft ich fassen
Und halten ihn."
Da sie christlich lebt, stellt sie ihm die 'Gretchenfrage':
"Nun sag, wie hast du's mit der Religion?"
Faust redet sich hier nur raus und gibt Gretchen sogar einen Trank mit, der die Mutter betäubt, auf dass er nachts ungestört mit Gretchen schlafen kann. Doch hier entstehen nun zwei Katastrophen: der Trank wirkt zu stark und bringt die Mutter um, und Gretchen wird schwanger. Faust, der von Mephisto auf die Walpurgisnacht mitgenommen wurde, weiß von letzterem nichts. Während seiner Abwesenheit wird Gretchen, die ihr Kind in Verzweiflung ertrinkt, als Mörderin in den Kerker geworfen.
"Meine Mutter hab ich umgebracht,
Mein Kind hab ich ertränkt."
Faust ist aber auch mitschuldig am Tod der Mutter.
"Deine liebe Hand! - Ach, aber sie ist feucht!
Wische sie ab! Wie mich deucht,
Ist Blut dran." Mit diesen Zeilen beschuldigt Gretchen Faust, als er sie im Kerker besucht.
Faust und Mephisto wollen Gretchen befreien, doch sie will nicht mit. Halbirr ist sie immer noch gläubig und übergibt sich in Gottes Hand. Faust, der nun vollends mit dem Bösen im Pakt ist, will sie entführen, doch sie wehrt sich.
Die Schlussszene von Faust I gestaltet sich folgendermaßen:
Gretchen: "Heinrich! Mir graut's vor dir."
Mephisto: "Sie ist gerichtet!"
Stimme von oben: "Ist gerettet!"
Am Ende verschwindet Faust mit dem Teufel.

Faust hat in Teil II nichts gelernt und hat noch einen langen Weg vor sich, bis die Engel zu ihm sagen können:
"Wer ewig strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen."
Nach über sechzig Jahren der Arbeit an seinem Faust kommt Goethe letztendlich zu diesem Fazit:
"Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird's Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist's getan;
Das ewig Weibliche
Zieht uns hinan.
Finis."

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